Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf Logistik und Lieferketten

Die Herausforderungen für Lieferketten und Logistik infolge des russischen Krieges gegen die Ukraine standen am 24. November im Mittelpunkt der Konferenz „Bewegte Zeiten: Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf Lieferketten und Logistik - Rückblick und Vorschau“ in Hamburg, die die Kühne Logistics University (KLU) und der Ost-Ausschuss im Rahmen des 70-jährigen Jubiläums des Ost-Ausschusses auf dem KLU-Campus veranstalteten.

Prof. Christian Barrot, Kommissarischer Präsident und Programmdekan der KLU, mahnte zu Beginn, trotz aller nüchternen Diskussion die menschliche Dimension des Krieges nicht aus den Augen zu verlieren. Es eröffne sich aber durch und nach dem Krieg die Chance auf eine engere Bindung der Ukraine an Europa im Allgemeinen und Hamburg im Besonderen. Auf die unmittelbaren Auswirkungen des Krieges auf Unternehmen und Logistik ging Ost-Ausschuss-Präsidiumsmitglied Peer Witten, Leiter des Arbeitskreises Logistik und Verkehrsinfrastruktur im Ost-Ausschuss, in seiner Begrüßung ein. „Die Logistik ist aus dem Tritt geraten“, sagte er. Wie sie wieder Tritt fassen kann, war die Leitfrage der Veranstaltung. „Die erste Antwort der Logistiker ist die Erhöhung der Lagerflächen und die Änderung der Beschaffungsstrategie von der Supply Chain zum Supply Network“, sagte Witten. „Die Globalisierung ist nicht zu Ende.“

Vielfalt schafft Versorgungssicherheit

Die stellvertretende Ost-Ausschuss-Vorsitzende Cathrina Claas-Mühlhäuser mahnte eine kluge Diversifizierung der Lieferbeziehungen an. „Der Krieg gegen die Ukraine und seine Folgen haben uns unsere Abhängigkeiten in einer globalisierten Welt deutlicher denn je vor Augen geführt“, sagte Claas-Mühlhäuser. Die massiven Erschütterungen internationaler Lieferketten, die ja schon mit der Corona-Pandemie begannen, hätten zu Diskussionen über die Globalisierung und ein Decoupling von Wirtschaftsräumen geführt. „Aber es geht nicht um Entkopplung, sondern um eine kluge Diversifizierung unserer Lieferbeziehungen“, sagte Claas-Mühlhäuser. „Vielfalt schafft Versorgungssicherheit – ob bei Energie, Rohstoffen oder Vorprodukten.“ Die Neujustierung globaler Lieferketten eröffne große Chancen gerade für Mittel- und Osteuropa, das längst ein wichtiger Partner der deutschen Wirtschaft sei.

Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI, stellte in seiner Keynote die jüngsten Entwicklungen in Europa in einen größeren geopolitischen Zusammenhang. „Der Epochenbruch ist nicht nur ein europäischer, sondern ein globaler Epochenbruch“, sagte Niedermark. Die „neue Globalisierung“ sei dabei nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein gesellschaftliches Phänomen. „Die neue Phase der Globalisierung ist nicht von Konvergenz, sondern von Konflikten bestimmt“, sagte Niedermark. Es gebe unterschiedliche Konzepte, aber gemeinsam sei ihnen die Erstarkung des Staates und die Einhegung internationaler Unternehmen weltweit. „Es wäre Aufgabe Europas, an der Verbesserung seiner Wettbewerbsfähigkeit zu arbeiten“, sagte das Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung. Ein „Regulierungstsunami“ sei dafür ungeeignet. „Wir müssen uns an die Situation gewöhnen, dass wir unsere Werte nicht überall durchsetzen können“, sagte Niedermark und warb in diesem Zusammenhang für eine „verantwortungsvolle Koexistenz“ mit schwierigen Partnern, irgendwann auch wieder mit Russland. Diversifizierung bedeute nicht das Abwenden von schwierigen Partnern, sondern Risikostreuung. Dabei werde der Ost-Ausschuss in Osteuropa und Zentralasien eine wichtige Rolle spielen.

logistische Lücken im Osten

Die anschließende Diskussionsrunde mit Wissenschaftlern und Logistikern thematisierte die unmittelbaren und längerfristigen logistischen Herausforderungen infolge des russischen Krieges gegen die Ukraine und die Umleitung von Lieferströmen, etwa über den „Mittleren Korridor“ via Kaukasus und Kaspischem Meer. Dabei wurden die logistischen Lücken im Osten Europas deutlich. „Wir kriegen Züge einfacher von Odessa zur ukrainischen Grenze als weiter nach Europa wegen der mangelnden Infrastruktur“, berichtete Phillip Sweens, Sprecher der Arbeitskreises Ukraine im Ost-Ausschuss und Geschäftsführer der HHLA International, die ein Containerterminal in Odessa betreibt. „Die Züge standen teilweise über Wochen an der Grenze.“ Die ukrainische Infrastruktur sei nicht auf den Landweg nach Europa ausgerichtet, sondern auf den Seeweg. Inzwischen würden aber Landverbindungen nach Triest, Danzig und Hamburg eröffnet. Auf der Transportroute von Europa nach Asien wächst indessen die Bedeutung des „mittleren Korridors“ aufgrund der rasant steigenden Nachfrage nach alternativen Routen. Diese sind aber teuer und haben längere Laufzeiten. Der Transitverkehr über Belarus und Russland funktioniert nach Aussage von Teilnehmern noch, da Transitgüter von Sanktionen ausgenommen seien. Aus Sicht eines Unternehmens berichtete Andreas Kiesewetter von der DAW Deutsche Amphibolin-Werke von Robert Murjahn über die Herausforderungen des Krieges und durch den Ausfall russischer, belarussischer und ukrainischer Lieferanten. „Heute investieren wir in Bunker und Notstromaggregate“, sagte Kiesewetter. „Ich hoffe, dass wir bald wieder in Produktionsanlagen investieren.“

Zwischen Near- und Inshoring

Um Nearshoring, Reshoring und die Chancen speziell für Mittel- und Osteuropa ging es im zweiten Panel. Dabei wurde deutlich, dass Versorgungssicherheit das absolut dominierende Thema ist. Die wachsende Bedeutung des Nearshorings beobachtet etwa Oksana Janssen von der VTG AG bei ihren Kunden. Aber solche Entscheidungen würden derzeit noch überdacht und geprüft. „Es ist sehr viel im Umbruch“, sagte sie. Viele Unternehmen setzen sogar wieder auf Inshoring. „Wir prüfen derzeit, was wir wieder inhouse machen können, weil einiges auch von europäischen Kunden nicht mehr zuverlässig geliefert werden kann“, sagte etwa Frank Müller von STILL. „Das bringt Versorgungssicherheit und den direkten Zugriff.“ Eine wichtige Rolle kann aber auch Mittel- und Osteuropa zuwachsen. „Osteuropa liegt mit seiner Kompetenz direkt vor unserer Haustür, mit gleichen Regeln und teilweise sogar gleicher Währung“, sagte Olaf Holzgrefe vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. Der Hafen Hamburg habe von Osteuropa sehr profitiert, sagte Marina Basso Michael von Hafen Hamburg Marketing. „Wir waren der Hafen für die aufstrebenden Volkswirtschaften.“ Nun würden die Karten im Logistik- und Transportbereich neu gemischt und neue Routen an Bedeutung gewinnen.

Witten: "Osteuropa stärker in den Fokus bringen"

In einer abschließenden Talkrunde mit Ost-Ausschuss-Geschäftsführer Michael Harms erläuterten Cathrina Claas-Mühlhäuser und Peer Witten Aufgaben und Ausrichtung des Ost-Ausschusses. „Unser Anliegen in Hamburg ist es, Osteuropa stärker in den Fokus zu bringen, zusammen mit den Partnern von Kammer, KLU bis hin zu Unternehmen“, sagte Witten, der für den Ost-Ausschuss die Hansestadt betreut. In Hinblick auf den von Wolfgang Niedermark diskutierten Umgang mit schwierigen Märkten warb Claas-Mühlhäuser für die Überzeugungskraft durch wirtschaftlicher Beziehungen. „Der Ost-Ausschuss unterstützt Unternehmen, das zu tun, was sie am besten können, nämlich neue Märkte zu erschließen“, sagte sie. Dadurch entstünden neue Kontakte. „Wir nehmen unsere Mitarbeiter mit in die eigene Denkwelt des Unternehmens. Diese Art von Wertegefüge verändert diese Menschen und diese wiederum ihr Land.“