Der Umgang mit Home-Office und Folgen für Unternehmen

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Aufgrund der Coronakrise ist die gesamte Bevölkerung derzeit aufgerufen „auf Distanz zu gehen“ um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Viele Unternehmen haben daher fast alle Mitarbeiter ins Home-Office geschickt. Hat die ungewohnte Isolierung Folgen für die Produktivität der Mitarbeiter? Und wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter unterstützen? Eine Studie liefert erste Anhaltspunkte.

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Leider werden wir aufgefordert, auf soziale Distanz zu gehen. Dabei hilft nur physische Distanz gegen das Coronavirus. Soziale Distanz hingegen ist eine negative Folgeerscheinung von physischer Distanz und sollte eher vermieden werden. Psychologen warnen bereits vor einer Zunahme von Ängsten, Depressionen und Schlafstörungen durch soziale Isolierung. Für Unternehmen, die ihre Mitarbeiter ins Home-Office schicken, stellt sich daher die Frage, ob die zunehmende soziale Isolierung von Mitarbeitern zu einem Rückgang ihrer Produktivität führt. Da es zu diesem Thema bereits allerhand Spekulationen gibt, habe ich zu dieser Fragestellung 122 Mitarbeiter in den USA befragt. Zum Zeitpunkt der Umfrage arbeiteten dort noch wesentlich mehr Mitarbeiter normal, also nicht im Home-Office, was einen Vergleich beider Gruppen erlaubte. Auch wenn diese Daten nur einen vorläufigen Blick auf die aktuelle Lage erlauben, liefern sie wertvolle Informationen.

Ermutigende Studienergebnisse aus den USA

Erfreulicherweise zeigen meine Daten, dass Mitarbeiter, die wegen der Coronakrise im Home-Office arbeiteten, engagierter und eher bereit waren, sich über das normale Maß hinaus für ihre Kollegen und das Unternehmen einzusetzen. Wie passt das mit der Warnung vor sozialer Isolation zusammen und was bedeutet dies für Unternehmen? Eine Erklärung findet sich in der Sozialpsychologie. Diese zeigt, dass Menschen der Gefahr von sozialer Isolierung aktiv entgegenwirken indem sie Kontakte zu anderen intensivieren. Tatsächlich bestätigen meine Daten genau dies: Anstatt sich sozial zu isolieren, intensivierten Mitarbeiter im Home-Office via Telefon, Skype, oder E-Mail den Kontakt mit ihren Kollegen und insbesondere mit Kollegen, mit denen sie ein gutes Verhältnis hatten. Die motivierende Wirkung sozialer Kontakte ist bekannt und das Resultat war eine gesteigerte Leistungsbereitschaft. Somit führte die physische Isolierung von Mitarbeitern – etwas überraschend – zu mehr, statt zu weniger Produktivität.  

Was Unternehmen jetzt tun müssen

Für Unternehmen und Führungskräfte stellt sich jetzt die Aufgabe, Mitarbeiter dabei zu unterstützen, sich mit ihren Kollegen mehr zu vernetzen – auch virtuell. Vertrauen sie ruhig darauf, dass ihre Mitarbeiter sich selber vernetzen, aber schaffen sie die Umstände, die dies gelingen lassen. Zum Beispiel sollten Unternehmen und Führungskräfte dafür sorgen, dass Mitarbeiter auch weiterhin erreichbar sind. Dazu gehört zum einem, dass Kernarbeitszeiten weiterhin fortbestehen, aber auch aktiv Möglichkeiten anzubieten bei denen Mitarbeiter Kontakt zueinander haben. Dies betrifft nicht nur dringend notwendige Termine, sondern auch virtuelle Treffen zum gemeinsamen Kaffee oder Lunch. Auch eine ‚Open Door Policy‘ ist denkbar, bei der Mitarbeiter zum Beispiel bei Skype ihren Status - wenn möglich - auf ‘Online‘ stellen und damit anzeigen, dass sie für spontane Kontaktaufnahmen erreichbar sind. Mit etwas Kreativität lassen sich so die ‚offline´ Arbeitsprozess inklusiver aller geplanten und ungeplanten Begegnungen auch virtuell abbilden.

Langzeiteffekte untersuchen

Entgegen aller Unkenrufe führt Corona bedingtes Home-Office möglicherweise zu mehr statt zu weniger Produktivität. Auf den ersten Blick scheint die Lage also nicht so aussichtslos, wie die Nachrichten es manchmal suggerieren. Im Gegenteil: Die aktuelle Ausnahmesituation bietet auch Chancen. Vielleicht können wir gerade jetzt lernen, unsere Arbeit besser, effektiver zu organisieren. Die nächsten Wochen werden zeigen, wie sich die langfristige soziale Isolation auf die Leistung und das Wohlbefinden all jener auswirkt, die im Home-Office arbeiten. Ich werde Sie hier mit neuen Daten auf dem Laufenden halten. Jetzt schon lässt sich sagen, dass die Unternehmen, die virtuelles Arbeiten meistern, einen deutlichen Vorteil während und wohlmöglich auch nach der Krise haben werden.

[1] Focus Online (2020, 25 März). ´Depression, Angst, Schlafstörungen: Forscher erklären, was Kontaktverbot mit uns macht.‘ Abgerufen von: https://www.focus.de/gesundheit/news/kontaktverbot-wissenschaftler-rechnen-mit-depression-angst-und-schlafstoerungen_id_11809201.html

Coronakrise: Analysen & Kommentare

Dieser Beitrag ist Teil unserer Coronaserie mit Analysen und Kommentaren von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der KLU. Sie beleuchten, wie sich die aktuelle Coronakrise unter anderem auf unser tägliches Leben, unsere Arbeitsweise und die Wirtschaft auswirkt. Lesen Sie weitere Analysen und Kommentare.