Ist Corona mit Blick auf die Lieferkette ein Weckruf?

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So viel Medienaufmerksamkeit wie im letzten Monat haben Logistik und Supply-Chain-Management noch nie erfahren, zumindest nicht in den Massenmedien. Als bekannt wurde, dass die 2019 von Apple getroffene Entscheidung, bei der Herstellung auf Einzelquellenbeschaffung (Single-Sourcing) in China zu setzen, nun zu iPhone-Engpässen im Laden führen wird, sorgte das sofort für Schlagzeilen. Lagerbestände, Lieferzeiten, verfügbare Container oder auch das Fehlen von Arbeitskräften und Komponenten stehen plötzlich im Fokus – für alle, die im Bereich Lieferkettenmanagement tätig sind, ist das vermutlich eine echte Bestätigung.  Schließlich wird unser Berufsstand Logistik normalerweise nicht wahrgenommen, gerade weil wir unser Möglichstes dafür tun, dass solche Probleme nicht auftreten.

Wichtiger sind jedoch die Fragen: Waren wir gut genug auf diesen Fall vorbereitet? Und steht unsere aktuelle Reaktion für Kompetenz oder nicht doch eher für das Gegenteil? Als Beobachter aus der akademischen Perspektive bin ich immer wieder neu überrascht angesichts des Mangels an Risikobewusstsein mit Blick auf die Lieferkette. Seit mehr als 50 Jahren lehren wir in jedem einzelnen Logistikkurs, dass – unter Berücksichtigung aller Kosten – eine Dual-Sourcing-Strategie einer Single-Sourcing-Strategie in der Regel überlegen ist. In unseren Finanzkursen thematisieren wir die Notwendigkeit, das operationelle Risiko mit einzubeziehen. In dem Moment, in dem sie von der Theorie in die Praxis wechseln, neigen viele Fachleute jedoch dazu, die Grundlagen zu vergessen, die sie gelernt haben. Mehr noch: Zahlreiche Fachleute verlangen sogar die Streichung grundlegender theoretischer Erkenntnisse aus dem Lehrplan. Stattdessen möchten sie lieber „Tipps und Tricks“ für den Krisenfall lernen. Die aktuelle Debatte zeigt, wie wichtig unser Berufsstand ist. Und vielleicht verschafft das einigen zu Recht auch ein Gefühl der Befriedigung.

Ein Supply Chain Director, den ich bewundere, sagte einmal: „Der beste Planer ist ein fauler Planer“. Er ist auf schwierige Zeiten vorbereitet, hat seine Lieferkette entsprechend gestaltet und am richtigen Ort Lagerbestände aufgebaut, um für das Unerwartete gewappnet zu sein. Manager vergessen gelegentlich, dass Supply-Chain-Planer, die nicht permanent im dringenden Einsatz sind, signalisieren, dass sie ihren Job besonders gut machen. Sie hätten dementsprechend eine Belohnung verdient. Auch vernünftige Offline-Simulationen helfen dabei, sich auf die nächste Phase der Corona-Krise vorzubereiten, nämlich auf den Bullwhip-Effekt, der viele Lieferketten wahrscheinlich noch die kommenden zwölf bis 16 Monate aus dem Gleichgewicht bringen wird. Ich kann nur hoffen, dass die Corona-Krise zum Weckruf für alle Führungskräfte wird. Sie müssen erkennen, dass eine saubere Vorbereitung, die auf solidem und belegtem Wissen basiert, nur möglich ist, wenn sie in Personal, Ressourcen und gute theoretische Grundlagen investieren. Die KLU ist für Sie da, um Sie beim Erreichen dieses Ziel zu unterstützen.

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Corona Crisis: Analyses & Comments
Dieser Artikel von Prof. Jan Fransoo ist Teil unserer Serie von Analysen und Kommentaren unserer KLU Wissenschaftler*innen zu verschiedenen Auswirkungen der anhaltenden Coronakrise auf unser tägliches Leben, die Wirtschaft, unsere Arbeitswelt und mehr. www.the-klu.org/corona