Lasst uns reden! Wie der Austausch von Industrie und Forschung Logistik „grün“ machen könnte

Warum der Austausch zwischen Logistikforschung und -industrie für den grünen Umbau von Logistik und Transport so elementar ist, darüber haben wir mit dem Akademischen Direktor des KLU-Forschungszentrums für nachhaltige Logistik und Lieferketten (CSLS), Professor Dr. Moritz Petersen, gesprochen. Zusammen mit Prof. Alan McKinnon hat das CSGL im ersten Quartal gemeinsam mit den Partnern F&L, Smart Freight Centre und Transporeon zwei viel beachtete Studien zur Dekarbonisierung der Logistik veröffentlicht. Medien wie Motor Transport, DVZ und Eurotransport haben berichtet. Es folgte ein intensiver Austausch mit Industrie und Gesellschaft – in Webinaren, Podcasts und Informationsveranstaltungen mit politischen Vertreter*innen.

Sie und Prof. McKinnon waren in den letzten Monaten bei unterschiedlichsten Formaten zu Gast. Was waren das für Formate?

Moritz Petersen: Wir haben in den letzten Monaten hauptsächlich über diese beiden Studien gesprochen, in denen wir uns mit Nachhaltigkeit und ganz spezifisch mit der Reduktion von CO2 und anderen Treibhausgasen in der Logistik befassen. Die Formate waren leider ausschließlich digital, aber sehr vielfältig: klassische Vorträge über die Ergebnisse unserer Studien zählten ebenso dazu wie ein Webinar mit der Bundesvereinigung Logistik (BVL) und ein Podcast von Transporeon. Für einen Artikel habe ich mich auf einen digitalen Spaziergang mit dem Vertreter eines Nutzfahrzeug-Herstellers getroffen. Zu den Debattenbeiträgen zählte ein größeres Online-Event des Handelsblatts zum Thema grüner Transport. Eine tolle Initiative mit KLU-Beteiligung in der Jury war der „Transporeon for Future“-Hackathon im März. Zwei unserer Studierenden und ihr Team waren dort mit einer Anwendungsidee erfolgreich. Neben solchen aktiven Beiträgen hören und lesen wir natürlich auch, was Kolleginnen und Kollegen in Theorie und Praxis sagen und machen.

Was haben Sie aus diesen Formaten mitgenommen?

Moritz Petersen: Insgesamt sind es drei Hauptbeobachtungen. Zunächst – und das ist sehr positiv – wird dem Thema Nachhaltigkeit und insbesondere CO2-Reduktion immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Die zweite Beobachtung ist allerdings, dass wir uns bei der Debatte viel zu sehr an Jahreszahlen festhalten. Wenn wir nur über Ziele für 2030 oder 2050 reden, dann schieben wir das Thema zu weit weg. Tatsächlich müssen wir uns schon genau jetzt darum kümmern, denn es geht um das knappe Restbudget an CO2, das wir noch verbrauchen dürfen. Drittens und letztens sehen wir einen hohen Qualifikationsbedarf.

Ich möchte noch eine vierte Beobachtung ergänzen und das sind viele positive Signale und neue Allianzen aus der Industrie. Da gibt es schon viele mit Herzblut betriebene Projekte. Wir dürfen uns für die Logistik insgesamt allerdings nicht davon einlullen lassen und glauben, dass schon genug passiert.

Damit das Ziel der der Dekarbonisierung in der Logistik erreicht wird, muss schnell einiges auf den Weg gebracht werden. Was kann Wissenstransfer – also Kommunikation, Austausch, Beratung – dazu beitragen?

Moritz Petersen: Neben der Forschung ist Wissenstransfer einer von zwei Hauptarbeitsschwerpunkten unseres Forschungszentrums. Wir sollten uns aber davor hüten, Wissenstransfer als Einbahnstraße zwischen Hochschulen und Unternehmen zu verstehen. Das geht eindeutig in beide Richtungen.

Das heißt, Sie nehmen aus diesem Austausch auch etwas Wichtiges mit?

Moritz Petersen: Unbedingt und zwar, um es ganz deutlich sagen: die betriebliche Realität. Für uns ist dieser Austausch enorm wichtig, um die Forschungsagenda letztlich zu definieren und nicht an Bedarfen vorbei zu forschen.

Welche Angebote macht das Forschungszentrum Stakeholdern in der Industrie und auch in der Politik, welche die Rahmenbedingungen für Umweltschutz herstellen muss?

Moritz Petersen: Zum einen trommeln wir möglichst laut für das Thema und machen die Dringlichkeit klar. Denn die ist nicht immer so offensichtlich. Wenn man sich den Straßengüterverkehr in Deutschland über fünfundzwanzig Jahre anschaut, sind die spezifischen CO2-Emissionen um ein Drittel zurückgegangen. Das heißt, ein Drittel weniger Treibstoff pro Tonnenkilometer wird verbrannt. Das klingt gut. Aber mit einem um 80 Prozent höheren Transportvolumen auf der Straße im gleichen Zeitraum heißt das am Ende: Die CO2-Emissionen sind jetzt 20 Prozent höher als 1995 und eben nicht niedriger.

Zum anderen sprechen wir mit Unternehmen über ihre individuellen Möglichkeiten CO2 zu reduzieren. Die Herausforderung ist riesig und jedes Unternehmen im Zusammenhang mit Logistik bringt ganz verschiedene Voraussetzungen mit.

Und noch ein dritter Punkt, der mir wichtig ist: Kleine Unternehmen sind ein sehr relevanter Teil der Logistik. Sie haben aber keine Abteilung, die kontinuierlich Themen wie alternative Antriebe und Kraftstoffe monitort. Viele sind angesichts der Vielfalt wie batterieelektrisch, Wasserstoff, Biofuel etc. orientierungslos und warten darum lieber erstmal ab. Fahrzeughersteller gehen gerade hohe Wetten darauf ein, was sich durchsetzen wird. Und auch weil es riesige Fördermitteltöpfe geben wird, gibt es ganz intensive Lobbyarbeit und in Teilen fast schon Desinformation auf diesem Gebiet. Hier macht unser Forschungszentrum ein wichtiges Angebot: Wir treffen unabhängige, faktengeleitete Einschätzungen. Für diese Aufgabe ist die Wissenschaft prädestiniert.

Einerseits muss ein Großteil des grünen Umbaus in dieser Dekade geleistet werden. Andererseits ist der Transportsektor stark klein- und mittelständisch geprägt. Welche Voraussetzungen braucht also eine gelingende Dekarbonisierung?

Moritz Petersen: Europaweit sind 99 Prozent der Fuhrunternehmen im Straßengüterverkehr kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) mit weniger als 50 Mitarbeitenden. Die LKW dieser Unternehmen stoßen aber am Ende die Emissionen aus. Gleichzeitig macht der Straßengüterverkehr weltweit rund 65 Prozent des CO2-Ausstoßes aller Transportmodi aus.

Wie können wir diese KMU also erreichen? Eine der beiden Studien, die wir gemacht haben, fokussiert auf KMU. Und die Hälfte dieser befragten KMU sagt, sie würden ihre CO2-Emissionen nicht messen und dokumentieren. Dabei ist das im ersten Schritt gar nicht kompliziert. Sie machen es deshalb nicht, weil es nicht nachgefragt wird. 76 Prozent der Unternehmen sagen, dass nur sehr wenige ihrer Kunden, also die großen Verlader oder Logistikdienstleister, überhaupt nach solchen Informationen fragen. Das wird sich mittelfristig ändern, wenn Umweltziele großer Unternehmen auch für ihre Lieferkette eingelöst werden müssen. Dann sind die Großen darauf angewiesen, dass die Kleinen etwas tun.

Und wie können die KMU heute bereits erreicht werden?

Moritz Petersen: Klassische Transferformate wie Konferenzen nutzen in der Regel eher Vertreter der Großen. Sie haben die Zeit dafür und es ist ihr Job, daran teilzunehmen. Aber ein positiver Seitenaspekt der aktuellen pandemischen Situation ist, dass die Zugangsbarrieren für KMU für solche jetzt zwangsweise digitalen Formate deutlich gesunken sind. Das heißt, es ist heute möglich, auch mal in der Mittagspause für eine halbe Stunde in solche Veranstaltungen reinzuschalten.

Wir wollen in Zukunft im Zentrum einen Fokus auf KMU setzen. Gerade beantragen wir Förderung für ein Forschungsprojekt, was sich genau mit ihrer Situation im Straßengüterverkehr befasst: ambitionierte Reduktionsziele, eine unübersichtliche technologische Landschaft, wenig Zeit, um sich damit zu befassen und große Versender, die einfach erwarten, dass Dinge passieren.

Was ist der Beitrag von Ausbildung, Studium und Weiterbildung zum grünen Umbau der Logistik? Wo sind Sie bereits aktiv?

Moritz Petersen: Der Beitrag ist potenziell sehr groß. Spannend fand ich dazu einen Befund unserer Studie mit großen Versendern und Logistikern: Die Mehrheit sagt, dass es einiges zu lernen gibt und die Palette an Themen könnte nicht größer sein. „Was heißt Nachhaltigkeit überhaupt?“ ist ein Makrothema. Es gibt auch hochgradig operative Themen wie das Messen und Reporten von Emissionen, aber auch wie man Reduktionsziele strategisch verankert oder wie man das eigene Team und Lieferketten-Partner mitnimmt. Die Industrie signalisiert da eine ganze Menge an Bedarf. Den versuchen wir natürlich als Hochschule vielfältig zu decken.

Wichtig für den Umbau ist auch der politische Rahmen. Ist das Forschungszentrum beratend in der politischen Sphäre tätig?

Moritz Petersen: Die Politik sagt, sie möchte Wandel und hat sämtliche Reglungskompetenz, diesen Wandel zu gestalten. Das sollte natürlich wünschenswerterweise auf empirischer Evidenz basieren, welche von der Wissenschaft bereitgestellt wird. Auch wir machen Informationsangebote. Alan McKinnon hat hierzu in verschiedenen Anhörungen, z.B. im irischen Parlament, gesprochen.

Mit der empirischen Evidenz ist das ja aber oft so eine Sache. Das haben wir Ende April wieder gesehen, als die Nachricht kam, dass das Verfassungsgericht das deutsche Klimaschutzgesetz als verfassungswidrig erklärt hat, weil es nicht weitreichend genug ist und wichtige Weichenstellungen zu weit in die Zukunft schiebt. Was der Soziologe Ulrich Beck 1986 zur Geschlechterparität konstatierte, beschreibt leider auch die Klimapolitik der Bundesregierung und das Verhalten mancher großer Firmen sehr treffend: Wir sehen „verbale Aufgeschlossenheit bei gleichzeitiger Verhaltensstarre“.

Gibt es ein Thema, welches Sie aktuell bewegt über das wir hier noch sprechen sollten?

Moritz Petersen: Ja, tatsächlich. Insgesamt ist in der Pandemie ein größeres Bewusstsein für die Logistik entstanden und dass dies ein äußerst relevanter Sektor ist. Noch dazu hat die Blockade des Suezkanals Ende März die Verwundbarkeit internationaler Lieferketten für die Öffentlichkeit klar sichtbar gemacht. Sogar mein 3-jähriger Sohn hat mich jeden Morgen gefragt, ob das Schiff noch quer im Kanal liegt und wir haben dann geschaut, wie der Stau täglich größer wurde. Logistik ist bei uns zuhause wenig überraschend sowieso ein sehr präsentes Thema, aber die Medienberichterstattung hat das ja auch insgesamt gespiegelt. Die Tatsache, dass die Logistik also im letzten Jahr mehr ins öffentliche Bewusstsein rückt, tut der Industrie aus vielfacher Hinsicht, glaube ich, ganz gut.

Vielen Dank.

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