Steile Lernkurven in der Corona-Krise

Im Zuge der Corona-Pandemie haben sich zahlreiche Unternehmen dazu entschieden, ad-hoc-Lieferketten aufzubauen, um den steigenden Bedarf etwa an Masken und Desinfektionsmitteln zu bedienen. Um Adhoc-Lieferketten als Antwort auf die COVID-19-Krise ging es am 22. September bei einem Arbeitskreistreffen des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft in Kooperation mit der Kühne Logistics University (KLU) und der GHA - German Health Alliance.

Den akademischen Input für die gemeinsame online-Sitzung der Arbeitskreise Gesundheitswirtschaft und Logistik & Verkehrsinfrastruktur lieferten Professor Kai Hoberg (Supply-Chain- und Operations-Strategie) und die Doktorandin Jasmina Müller. Welche Produktions- und Vertriebsmodelle haben sich ad hoc entwickelt? Welche langfristigen Lösungsansätze können die Unternehmen in ihrer Geschäftstätigkeit beibehalten? Diesen und anderen für die Unternehmenspraxis relevante Fragen widmen sich die KLU-Forscher in ihrer aktuellen Studie.

Schnelle und innovative Lösungen

Die Unternehmen aus dem Gesundheitswesen und der Logistik begegneten in der Corona-Pandemie unterschiedlichen Herausforderungen. Experten aus der Unternehmenspraxis berichteten über steile Lernkurven, schnelle Entscheidungsfindungen und innovative Lösungen. Lars Rohwer, Senior Director Government Affairs & Policy bei Siemens Healthineers, berichtete von der Bildung einer interdisziplinären Taskforce zur Aufrechterhaltung der Lieferketten, welche unbürokratische Entscheidungen ermöglichte.

Intakte Lieferketten trotz Krise

Trotz Krisensituation und Grenzproblematik berichteten Vertreter von Logistikunternehmen über die hohe Belastbarkeit der Logistikketten. Rainer Tobias, Mitglied der Geschäftsleitung von Rhenus Freight East, stellte im Russland-Geschäft keine nennenswerten Rückgänge der Transportmengen fest. Ein Risikofaktor bliebe jedoch die Situation in Belarus als wichtigem Transitland. Wolfram Senger-Weiss, Vorsitzender der Geschäftsführung der Gebrüder Weiss Gesellschaft, sprach von einer Krise der Produzenten statt von einer Krise der Logistik. Die Produktion für gefragte Produkte konnte demnach nicht schnell genug hochgefahren werden. Jasmina Müller erläuterte am Rande der Veranstaltung: "Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung waren die Lieferketten nicht abgerissen. Der Transport dauerte durch Grenzkontrollen und teilweise -schließungen einfach länger."

Produktionsverlagerung nach Osteuropa erwartet

Unternehmen bewerten das Risiko ihrer globalen Lieferketten angesichts der Krise neu. So prognostizierte Wolfram Senger-Weiss für die Zukunft mehr Lieferanten, weniger sogenannte just-in-time-Produktion und entsprechend mehr dezentrale Lager. Beim Thema Nearshoring (Nahverlagerung der Produktion) müssten nun Risiko und Kosten neu eingeschätzt werden. Professor Hoberg zufolge beschleunigt die Coronakrise die Verschiebung von West- nach Ost-Europa, da geschwächte Unternehmen unter Kostendruck stünden. Mittelfristig könne keine Produktionsverlagung von China nach Westeuropa erwartet werden: „Das ist sehr kostenintensiv und der Markt kann nicht außer Kraft gesetzt werden.“ Allein bei besonders strategischen Gütern wie Arzneimitteln könne es sinnvoll sein, die Produktion mithilfe staatlicher Förderung zurück nach Europa zu holen.

Text: Petya Hristova/Caroline Kieke