Sind wirklich Hamsterkäufe das Problem?

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Leere Regale im Lebensmittelhandel sind eines der Symbolbilder für die derzeitige Coronakrise geworden. In der Öffentlichkeit werden hauptsächlich sogenannte „Hamsterkäufe“ als Ursache für dieses Problem genannt. Aber sind sie das wirklich? Welche anderen Gründe spielen eine Rolle?

Zurzeit sieht man in vielen Geschäften des Lebensmitteleinzelhandels leere Regale. Insbesondere Produkte wie Toilettenpapier und Küchenrollen oder auch Trockenware wie Nudeln, Reis und Mehl sind zurzeit regelmäßig ausverkauft. Sowohl die Händler als auch die Bundesregierung versichern dabei immer wieder, dass es sich nicht um Versorgungsengpässe handelt, sondern durch den enormen Konsumanstieg seit Beginn der Coronakrise es lediglich zu einer Verzögerung von Lieferungen kommt. Vor allem in der Presse werden vornehmlich Hamsterkäufe der Kunden als Ursache genannt. Aber sind es wirklich nur Hamsterkäufe, die zu leeren Regalen führen?

Wöchentlicher Bedarf verändert sich

Betrachten wir einmal genauer, wie sich der Alltag vieler Menschen in der letzten Zeit verändert hat. Vor nicht einmal zwei Wochen verbrachte die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger noch fünf Tage in der Woche am Arbeitsplatz, in der Schule oder im Kindergarten. Dort verbrauchten sie auch einen nicht unerheblichen Teil der Produkte des täglichen Bedarfs, wie zum Beispiel Toilettenpapier. Außerdem gingen viele Menschen, insbesondere in Großstädten, regelmäßig mittags in Kantinen und abends in Restaurants essen. Innerhalb weniger Tage hat sich nun der Konsum von vielen Produkten des täglichen Lebens extrem verlagert.

Durch die weitreichenden Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung von Corona hat sich das Leben weg aus der Öffentlichkeit fast komplett nach Hause verlagert. Viele Menschen machen Homeoffice, Kinder können nicht in die Schule oder in den Kindergarten, man verbringt auch seine Freizeit größtenteils in den eigenen vier Wänden. Das bedeutet, dass Produkte, die sonst am Arbeitsplatz oder in der Schule verbraucht wurden und dort vorrätig waren, jetzt zu Hause konsumiert werden. Auch ohne gleich Hamsterkäufe zu unterstellen: Für bestimmte Produkte hat sich der wöchentliche Bedarf der Haushalte so sicherlich mindestens verdoppelt oder sogar verdreifacht. Viele kaufen aufgrund der Empfehlungen nun möglichst selten, zum Beispiel nur noch einmal die Woche ein. Zusätzlich werden dann auch größeren Mengen (fachlich: Losgrößen) gekauft, sodass es sehr schnell zu leeren Regalen im Handel kommen kann – auch ohne sofort Hamsterkäufe zu unterstellen.  

Bürger kaufen wie Unternehmen

Praktisch gesehen ist das Kaufverhalten der Bevölkerung dabei ganz ähnlich dem eines Einkäufers in einem Unternehmen. Man prognostiziert den eigenen Bedarf pro Tag oder pro Woche, berücksichtigt den Aufwand (Kosten) dieses Produkt mehr oder weniger regelmäßig zu kaufen, die Wahrscheinlichkeit einer Nichtverfügbarkeit sowie die Haltbarkeit des Produkts. Bei Produkten wie Toilettenpapier führt das schnell dazu, dass viele Familien nach Abwägung dieser Kriterien es für sinnvoll halten, sich einen gewissen Wochenbedarf als Vorrat anzulegen, was zu einer vermehrten Nachfrage im Handel führt. Auf der anderen Seite ist der Bedarf in vielen Unternehmen nach Produkten wie Hygieneartikel durch Homeoffice stark gesunken, was wiederum bei deren Lieferanten zu Umsatzeinbußen und zu überfüllten Lagern führt. Dazu kommt, dass die Coronakrise kein regional bedingtes Problem ist, sondern weltweit und innerhalb kürzester Zeit aufgetreten ist. Weder der Handel noch produzierende Unternehmen waren dadurch wirklich vorbereitet.

Stabilisierung der Lage

Es ist anzunehmen, dass sich die Situation durch Corona und die damit verbundene Verschiebung der Nachfrage hin zum Lebensmitteleinzelhandel in absehbarer Zeit nicht signifikant ändern wird. Sicherlich ist der erste Ansturm auf die Supermärkte erst einmal vorbei. Bereits nach der ersten Woche der verschärften Ausgangsbeschränkungen ist eine sichtliche Entspannung in Supermärkten und Discountern zu erkennen, was auch daran liegt, dass die „Vorratslager“ der Bevölkerung nun erst einmal gut gefüllt sind und die Menschen erkannt haben, dass es trotz einiger logistischer Herausforderungen kein signifikantes Versorgungsproblem von Lebensmitteln in Deutschland gibt.

Produzenten, Logistikunternehmen und Lebensmittelketten haben es in kurzer Zeit durch zusätzliche Schichten, zusätzliche Arbeitskräfte, Kollaborationen mit anderen Unternehmen und Anpassung von Absatzmärkten geschafft, sich auf den kurzfristigen Schock einzustellen. Nichtsdestotrotz wird der Bedarf im Lebensmitteleinzelhandel in den nächsten Wochen sicherlich höher und schwerer planbar sein als vor Corona, insbesondere, weil die Risiken und Folgen das Kaufverhalten der Menschen noch eine ganze Weile beeinflussen wird. Und die nächsten Herausforderungen für die Lebensmittellieferketten sind bereits in Sicht: fehlende Erntehelfer, fehlende Absatzmärkte im Ausland und die dazu führenden Preiseinbrüche für Agrarprodukte und fehlende LKW-Fahrer in der Logistik sind zum Teil bereits präsent.

Supply Chain Management neu aufstellen

Viele Strategien und Konzepte im Risikomanagement und generell im Supply Chain Management müssen nach Corona neu bewertet oder sogar entwickelt werden. Es ist anzunehmen, dass nach der Corona Krise mehr Ressourcen in die Entwicklung von Maßnahmen für die Resilienz von Supply Chains fließen wird. Denn auch aus wissenschaftlicher Sicht ist es fraglich, ob bisherige Konzepte und Strategien ausreichend sind, um mit den Dimensionen einer Pandemie wie Corona effektiv umzugehen.          

Coronakrise: Analysen & Kommentare
Dieser Beitrag ist Teil unserer Coronaserie mit Analysen und Kommentaren von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der KLU. Sie beleuchten, wie sich die aktuelle Coronakrise unter anderem auf unser tägliches Leben, unsere Arbeitsweise und die Wirtschaft auswirkt. Lesen Sie weitere Analysen und Kommentare.

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